Die einzige Lösung für’s Schulproblem ist die Freiheit, weggehen zu können … 6


Vor einer Woche bekam ich die Empfehlung, einen „ganz tollen Text zum Schulthema“ zu lesen. Neugierig wie ich bin klickte ich sofort den Link an … und seufzte: er war in englischer Sprache verfasst. Gut, die Überschrift war leicht zu verstehen:

„The most basic freedom is freedom to quit“

Der Untertitel ebenso:

„Schools will become moral institutions only when children are free to quit.“

Aber dann folgten 3 Din-A4-Seiten voller englischer Vokabeln (Schultrauma lässt grüßen 😉 ) … beim „Drüberfliegen“ las ich Unbekanntes wie „affirmative terms“, „assemble freely“, „contention“, „quagmire“ und dann ganz oft „hunter-gatherer“. Puh! Nee … das wird mich frustrieren, wenn ich sooo viel nachschlagen muss …

Ein paar Stunden später allerdings wuchs die Neugier immer mehr, und da die Sonne schien und der Balkon lockte, druckte ich mir die 3 Seiten aus, holte tief Luft und … las begeistert in einem Rutsch durch. Ja, ich verstand nicht jedes Wort … und dass hunter-gatherer „Jäger-Sammler“ heißt, das hab ich grad erst herausgesucht .. aber die Botschaft des Textes kann man „auch so“ bestens verstehen, und die ist höchst interessant! Daher: nur Mut, es lohnt sich! 🙂

Zum kompletten Text

Meine Rezension zum Text:

So würde ich die Kernaussage des Textes in einem Satz zusammenfassen! 🙂

Peter Gray holt weit aus, um seine Botschaft zu begründen: Die Freiheit wegzugehen ist eine Grundlage für Frieden, Gleichberechtigung und Demokratie in Jäger-und-Sammler-Völkern.“

Aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit diesen Völkern entdeckte er, welchen Wert für die Gesellschaft die Freiheit wegzugehen hat. „In einer Welt, in der Menschen leicht weggehen können, musst Du sie gut behandeln – ansonsten werden sie Dich verlassen!

Jäger- und Sammler-Völker sind sehr gut darin, Entscheidungen mit einem Konsens zu treffen. Dies tun sie nicht aus einem hohen moralischen Anspruch heraus, sondern aus der Notwendigkeit! Denn um überleben zu können und die Mitglieder bei sich zu behalten, brauchen sie den Zusammenhalt des Stammes.


„Die Freiheit wegzugehen ist eine Grundlage für Demokratie und Menschenrechte in modernen Nationen.“

Auch wenn wir heutzutage kaum noch dem Volk der Jäger und Sammler angehören, so sind wir dennoch meist relativ frei zu wählen, wo wir leben wollen. Nur dort, wo diese Freiheit nicht vorhanden ist, gibt es Diktatur und Missachtung der Menschenrechte.

„Die Freiheit wegzugehen ist eine Grundlage für Harmonie in Beziehungen.“

Wie im Großen, so im Kleinen! 🙂 Die Geschichte hat gezeigt, dass Gewalt gegen Frauen deutlich zurückgeht, so wie die Freiheit besteht wegzugehen. Dies zeigte sich bei der Einführung des Scheidungsrechts, und erneut, als Scheidungen auch aus finanzieller Sicht für Frauen machbar wurden. Allein die Möglichkeit, dass die Frauen weggehen KONNTEN … wenn sie WOLLTEN … hat entscheidend „zur Verbesserung der Behandlung“ 😉 geführt.

„Die Freiheit wegzugehen unterscheidet ein Angestelltenverhältnis von der Sklaverei.“

Das gleiche Prinzip zeigt sich auch am Arbeitsplatz. Wer die Freiheit hat wegzugehen, der wählt sich den Arbeitgeber aus, bei dem er sich am ehesten wohlfühlt.

Bei diesem Absatz kam ich sehr in’s Grübeln: welcher Arbeitnehmer hat heutzutage noch das Gefühl, dass er WÄHLEN könnte? Wieviele sagen stattdessen: „Ich muss ja …“ und „Ich kann ja nicht weggehen …“ Letzteres höre ich auffällig oft von Lehrern!

„In der Schule sind Kinder nicht frei wegzugehen, was sind die Konsequenzen?“

Kinder sind der am brutalsten behandelte Teil der Menschen, meint Peter Gray. Nicht weil sie klein oder schwach wären, sondern weil sie nicht die Freiheit haben wegzugehen wie Erwachsene.

Speziell auf die Schule bezogen bedeutet das: wenn ich dort nicht weggehen darf, dann ist es – per Definition – ein Gefängnis! „Ein Gefängnis ist ein Ort, an dem jemand gezwungenermaßen ist und wo Menschen nicht frei sind ihre Aktivitäten, Räume oder Mitmenschen auszuwählen.“ Wenn ein Lehrer schreit, diffamiert, mobbt oder bloßstellt … wenn Klassenkameraden mobben oder schlagen … man kann nicht einfach weggehen. Manche Schüler würden daher sogar den einzigen Ausweg im Selbstmord sehen …  (der Link zu einem dokumentieren Fall ist angegeben im Text).

Peter Gray wagt folgende Aussage: „Niemand hat einen Weg gefunden, um die bestehenden Probleme im Schulsystem zu lösen, und niemand wird jemals einen Weg finden, solange wir Kindern die Freiheit wegzugehen untersagen.

So drastisch das beim ersten Lesen klingt: es macht Sinn!

Wie wären denn die Schulen, wenn Kinder die Freiheit hätten wegzugehen? Hierzu zitiere ich noch einmal Peter Gray. „Solche Schulen würden in keinster Weise so aussehen wie die düsteren / farblosen / langweiligen / trostlosen (alles Übersetzungen für „dreary“) Institutionen, die wir heute „Schulen“ nennen.“

Zum Abschluss seines Artikels stellt Peter Gray einige spannende Fragen:
Was denkst Du? Wann hat wegzugehen Dir gut gedient? Wann ließ die Unfähigkeit wegzugehen Dich oder Euch leiden? Stimmst Du überein oder nicht überein, dass eine echte Schulreform nur möglich ist, wenn Schulanwesenheit wirklich optional ist?

Was meinst Du dazu? 😉


Wir freuen uns sehr über einen Kommentar!

6 thoughts on “Die einzige Lösung für’s Schulproblem ist die Freiheit, weggehen zu können …

  • Dagmar

    Ja…. und was mir beim Lesen so auffällt ist, dass ich als verbeamtete Lehrerin ebenfalls nicht die Freiheit habe, wegzugehen.
    Wenn ich mich an einer Schule bewerbe, die mir zur Hoffnung Anlass gibt, dass ich dort so arbeiten kann, wie es mir gut und richtig erscheint, dann reicht es nicht aus, dass die Schulleitung dort mich auch haben will.
    Wenn meine aktuelle Schulleitung mein Versetzungsgesuch ablehnt, dann bin ich dazu verdammt, weiter an einer Schule zu arbeiten, mit der ich mich im schlimmsten Fall überhaupt nicht identifiziere.
    Es geht dabei weder um meine Motivation, noch um meine Fähigkeiten, Projekte, Wünsche, Träume, Ideale, Gesundheit,……. sondern einzig und allein darum, ob meine Fächerkombination irgendwo gebraucht wird oder nicht.
    Ich bin Material, das eingesetzt und verheizt wird.
    Das gesamte System fußt auf völlig veralteten Grundsätzen, so eben auch dem, dass Beamte unfrei sind. Es sei denn, sie kündigen. Wir alle sind nicht frei in diesem System. Die Kleinen nicht – und die Großen auch nicht.

    • Ulrike Sennhenn Post author

      Liebe Dagmar,
      vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Du bist so lange unfrei, wie Du verbeamtet bist. Sicherheit gegen Unfreiheit. Das ist der Deal …

      Dass die Kleinen frei sind … das bin ich gerade dabei zu beweisen 🙂

  • maka

    Und das ist nur ein Kriterium für die zukünftigen Schulen! Die anderen wären: statt Gehorsam und militärische Hierarchie – Gleichberechtigung und Kreativität, statt Strebsamkeit und Konkurrenzkampf- Selbstwertgefühl und Abschaffung der Bewertung , statt Norm und Gleichmacherei- Individualität und Autonomie! Das wird Freiheit und Demokratie bedeuten -auch für die Gesellschaft!

    • Vater von 6 Schulkindern

      Da möchte ich mich anschließen. Und ich kann mir vorstellen, dass der Weg dorthin ist, die Freiheit seine Schule selbst aussuchen zu können.
      Jedoch bedeuted Freiheit gleichzeitig Verantwortung. Wenn man sich aussuchen kann, wo man isst, gehen eben sehr viele zu McDonald oder BurgerKing oder an die Pommesbude. Oder sie lesen Bildzeitung und schauen Soaps im Fernsehen. Schauen überhaupt Fernsehen.
      Kurz: Ich befürchte, wir wären auch dazu (noch) nicht bereit. Aber ich habe auch die Hoffnung, dass es einen „sanften“ Weg vom jetzigen Zustand in diese Freiheit gibt und dass sich dabei auch die Fähigkeit verantwortlich zu denken und handeln entwickelt.

  • Ulrike Sennhenn Post author

    Lieber „Vater von sechs Schulkindern“ (wow, Respekt 😉 )

    ich empfehle da einen Blick auf die Erfahrungen mit dem „Sudbury-Schulkonzept“ (bei Youtube z.B.), wo die Schüler ALLE Freiheiten haben, zu tun was sie wollen. Sogar OB sie was tun! 😉

    Es passiert etwas völlig anderes, als uns unser Verstand sagt.

    Ich finde so etwas HERRLICH … SPANNEND … den eigenen Horizont um etwas Geniales erweiternd 😉

    Herzliche Grüße,
    Ulrike Sennhenn